Fachgruppensymposium im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung in Kassel
"Edition zwischen Komponist und Verleger"
Moderation Kathrin Kirsch und Armin Raab

Gesamtausgaben stellen (in der Tradition des 19. Jahrhunderts) das Oeuvre eines Komponisten ins Zentrum. Sie zielen auf die vollständige Edition der ‚Werke‘. Zwischen dem späten 17. und dem 21. Jahrhundert hat sich jedoch unter der terminologischen Oberfläche der Gegenstand allmählich verändert. Die Genese und Form des ‚Werks‘ unterscheiden sich dabei wesentlich auch durch das sich wandelnde Verhältnis zwischen Komponisten und anderen an der Herstellung des Notentextes Beteiligter, wie z. B. Kopisten, Lektoren oder Stecher. Insbesondere die Rolle von Verlegern und den von ihnen abhängigen ‚Gewerken‘ ist dabei unterschiedlich zu bewerten: Ob Eingriffe redaktioneller oder gar kompositorischer Art erwünscht, erwartet oder als ‚Eigenmächtigkeiten‘ gänzlich gegen den Willen der Komponisten vorgenommen wurden, muss für den Einzelfall diskutiert werden.


Das Symposion untersucht diese Zusammenarbeit und insbesondere deren Folgen für die Edition: Welche Aspekte einer Komposition überließen Komponisten ab dem frühen 18. Jahrhundert (mit zunehmender Bedeutung der Verbreitungsform Druck) freiwillig oder unfreiwillig ihren Verlegern und Lektoren? Wie stark mischten sie sich ihrerseits in Paratexte und technische Fragen ein, nahmen also die Darstellung des Notentextes als relevante ‚Werk‘‐Schicht wahr? Wie verändert sich der Werkbegriff und der Kompositionsprozess zwischen ‚Originalgenie‘ und ‚Kollektiv‘ mit zunehmender Standardisierung des Verlagswesens und welche Unterschiede ergeben sich zwischen der Distribution durch Handschriften und der durch Drucke (z. B. im 17. und 18. Jahrhundert oder in der Gattung Oper)? Verändert sich die Praxis des Komponierens und Redigierens im 20. Jahrhundert unter den Bedingungen des globalisierten Marktes? Und schließlich: Wie verändern diese Fragen den Umgang von Editoren mit den entsprechenden Quellen und Textschichten? Beispiele aus laufenden Editionsprojekten sollen zu einem systematisch vergleichenden Überblick über unterschiedliche Vorgehensweisen zwischen Komponist und Verleger zusammengeführt werden, um historische Tendenzen und individuelle Lösungen zu differenzieren.

 

Programm:

Ulrich Leisinger (Mozarteum Salzburg): Vom Autograph zum Breitkopf’schen Typendruck: Johann Christoph Friedrich Bachs Sechs leichte Sonaten (Leipzig 1785)

Jens Dufner (Beethoven-Haus Bonn): Beethoven als Lektor seiner eigenen Werke

Michael Raab (München): Takte, Tonarten und Typographie – Diabellis Ausgaben von Schuberts Forelle

Timo Evers (Schumann-Gesamtausgabe Düsseldorf): Schumanns Publikationsstrategien

Stefan König (Max-Reger-Institut, Karlsruhe): »…daß ja nichts überladen wird«. Max Reger, seine Verleger und die Vortragsanweisungen

Stefan Schenk, Andreas Pernpeintner (Richard-Strauss-Ausgabe, München): Ein junger Komponist in Interaktion mit seinen Verlegern