Fachgruppensymposium im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung in Bonn:
Kopistenforschung – Bestandsaufnahme und Perspektiven
Organisation: Jens Dufner, Katrin Eich, Armin Raab

In nahezu allen Komponisten-Gesamtausgaben, aber auch in weiteren musikphilologisch orientierten Projekten, spielen Notenkopisten eine Rolle. Deren Funktion für die Überlieferung der Werktexte fällt je nach Epoche und Komponist sehr unterschiedlich aus. Es finden sich Kopistenbüros mit zahlreichen Schreibern, die in wechselnder Besetzung und unterschiedlicher Qualität Kopien anfertigten, ,persönliche‘ Kopisten, die eng mit einem Komponisten zusammenarbeiteten und mit dessen Schreibbesonderheiten gut vertraut waren, oder auch Musiker, die für den eigenen Gebrauch schrieben. Abschriften können Teil einer oft zeitlich und geographisch vom Komponisten weit entfernten handschriftlichen Überlieferung sein, aber auch als unmittelbar vom Autor durchgesehene und autorisierte Quellen genuiner Bestandteil des eigentlichen Kompositionsprozesses.


Je nachdem, wie viele Kopisten in der Überlieferung eine Rolle spielen, und je nach deren Autornähe oder -ferne haben gerade Gesamtausgaben-Projekte spezifische Arbeitsmethoden zur Bestimmung von Kopisten und deren Schreibeigenheiten entwickelt. So findet man zum einen etwa teils umfangreiche Schriftproben-Sammlungen oder Schreiberkarteien, zum anderen Arbeiten zur Schreiberidentifizierung mittels einer systematischen Klassifizierung von Schriftmerkmalen. Vielen Vorhaben ist gemeinsam, dass die Zuordnung von Schreiberhänden und die Bewertung der Notate von der Erfahrung und Intuition langjähriger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abhängen, mit deren Ausscheiden dieser ‚personengebundene Datenpool‘ nicht mehr oder nur noch begrenzt zur Verfügung steht.

Das Symposium soll primär dem Erfahrungsaustausch dienen, aber auch grundsätzliche Fragen behandeln. Zunächst geht es darum, den aktuellen Stand der Kopistenforschung in verschiedenen editorisch-philologischen Projekten vergleichend darzustellen. Hier ist vor allem zu fragen, welche Rolle Kopisten beim jeweiligen (Editions-)Gegenstand spielen und wie methodisch mit ihnen umgegangen wird, welche Materialien in den Arbeitsstellen gesammelt werden, wie diese Forschungsdaten aufbereitet sind und inwieweit es Ansätze zu einer systematischen Kopistenforschung gibt. Daran anknüpfend ist ein Austausch über den Forschungsstand mit perspektivischem Ausblick erwünscht. Neben methodischen Aspekten soll dabei nicht zuletzt die Frage erörtert werden, wie sich eine stärkere Vernetzung zwischen den Projekten ermöglichen lässt und wie die bisherige Komponisten- oder projektbezogene Kopistenforschung – etwa mit Hilfe digitaler Tools – einer übergreifenden Nachnutzung zugeführt werden könnte.

Aufgrund der genannten Schwerpunktsetzungen bietet sich für das Symposium eine Konzeption in der Art eines Workshops an. Für den Beginn ist ein längeres Grundsatzreferat aus der Bach-Forschung vorgesehen, da gerade hier auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet wurde. Im Anschluss daran wird in 10-minütigen Impulsreferaten die Situation in Projekten aus verschiedenen Epochen präsentiert. Die kurzen Vorträge sollen in eine Diskussion münden, die Desiderata und Potentiale für künftige Forschungen und Kooperationen thematisiert und eine erste Stufe zur Vernetzung der Forschungsarbeiten sein kann. Um den Blick über den fachlichen Rahmen hinaus zu erweitern, ist als Ergänzung der Kurzdarstellungen ein abschließendes methodisches Grundsatzreferat aus dem Bereich der forensischen Schriftanalyse geplant.

Hinweise zur Jahrestagung der GfM 2021 finden Sie hier.